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#8 – Homeschooling, Freilernen und Vanlife

SpotBeat Family Podcast
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#8 - Homeschooling, Freilernen und Vanlife
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Als ich heute morgen aufgestanden bin, habe ich mir einen Kaffee gekocht, bin die 10 Meter zum Strand gegangen und hab mich ins Wasser gestellt. Ich hörte dem Meeresrauschen zu, sah die Sonne aufgehen und dachte über eine ganz bestimmte Frage nach.

Warum du uns allen auf die Nase bindest, wie sehr du dich selbst beneidest?

Nein, ich meine eine Frage die uns von jedem – und ich meine ausnahmslos jedem – gestellt wird:

Wie macht ihr das mit der Schule?

Ist ne gute Frage. Während das Mittagessen auf dem Herd brutzelt, möchte ich über dieses Thema sinnieren und dir auch erzählen, warum wir uns mit dieser Frage so schwer tun. Und ein kleines Update über unser Leben im Wohnmobil gibts hinterher auch noch.

Willkommen bei der achten Folge des SpotBeat Family Podcasts. Mein Name ist Sergej.

Es gab da mal einen Herrn Russel, der folgendes gesagt haben soll:

Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben.

Könnte es sein, dass beim Thema Schule genau das zutrifft? Könnte es sein, dass wir dahingehend konditioniert sind, dass ein Kind in der Schule zu sitzen hat, weil seine Zukunft sonst ziemlich düster aussehen würde? Und das es absolut keine Alternative dazu gibt?

Mir geht es bei dieser Fragestellung nicht um Bildung – die steht außer Frage – sondern um die Art und Weise, wie wir zu unserer Bildung kommen. Es gibt nämlich ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten, wie Menschen lernen können.

Auf der einen Seite des Spektrums gibt es den Drill. Ich lese dir mal vor, was Wikipedia dazu meint, damit du verstehst was ich meine. „Unter Drill versteht man umgangssprachlich einen strikt autoritären Unterrichts- oder Erziehungsstil, bei dem das Kind durch sture Wiederholung immer gleicher Übungen und durch Auswendiglernen zu hohen Leistungen gebracht werden soll. […] Drill fördert […] nicht die Entwicklung des Kindes, sondern zielt auf Selbstdisziplin, Gehorsam und eine Brechung des Willens […]

Drill kommt aus dem Militär. Auch das Einüben von Verhaltensmustern durch Wiederholung ist auch eine Form von Bildung. Sinn und Zweck ist es den austauschbaren Standard-Menschen zu formen. Denn ein Soldat muss vorhersagbar handeln und reagieren. Wenn ihm ein Befehl gegeben wird, muss er ihn sofort und ohne nachzudenken befolgen.

Auf der anderen Seite des Bildungsspektrums steht das informelle Lernen. Das ist die natürlichste Art sich zu bilden. Ich könnte auch Bio-Bildung dazu sagen. Das beobachten wir bei Kindern, die noch nicht in der Schule waren. Denn laufen, sprechen, Bilder malen und Witze erzählen sind alles Ergebnisse des informellen Lernens.

Wenn du mal über die ersten 10 Klassen deiner eigenen Schulzeit nachdenkst, wie denkst du bist du zu deiner Bildung gekommen? Eher durch Drill oder eher durch informelles Lernen?

Wir sind selbst im klassischen Schulsystem gebildet worden. Von der Grundschule, über die Ausbildung bis zur Uni und können daher mitreden. Ob wir das Selbe für unsere Kinder wollen, steht aber auf einem anderen Blatt Papier und damit kommen die meisten einfach nicht klar.

„Hey man, was ist denn so schlimm an Schule?“

Schlimm oder nicht kommt darauf an, aus welcher Perspektive ich den Menschen betrachte, der durch das Schulsystem geformt wird. Dieses funktioniert nämlich wie ein Fließband. Am Anfang ist nichts, am Ende kommt etwas einheitliches heraus. Kein Unikat, sondern etwas, das auch einer DIN Norm entsprechen könnte.

Schule produziert Menschen, die alle sehr ähnliche Eigenschaften haben. Wir sind gehorsam, sind es gewohnt Anweisungen zu befolgen, erkennen Autorität und Hierarchien an und ertragen alle ein gewisses Maß an Frust. Wenn ich darüber nachdenke, wieviele Hirnblokaden wir überwinden mussten, um diesen Trip zu machen, dann merke ich an uns selbst, zu welchen Menschen wir geformt wurden.

Und das ist der innere Konflikt, den wir mit uns tragen.

Auf der einen Seite gehen doch alle Kinder zu Schule und werden später gute oder weniger gute Arbeitnehmer. Wir kommen irgendwie über die Runden und können für uns selbst sorgen. Wir werden zu braven Bürgern und hören auf das was man uns sagt. Zwar motzen wir ab und an oder halten Schilder mit Sprüchen hoch, aber im Grunde genommen sind wir harmlos und folgen unseren Anführern.

Auf der anderen Seite sind wir uns nicht sicher, ob wir das für unsere Kinder wollen. Es fühlt sich nicht wirklich richtig an und es steht die Frage im Raum, ob wir ihnen das nicht ersparen wollen. Denn Freigeister sind in der Regel die interessanteren Menschen. Sie leben unkonventionell und selbstbestimmt. Ihre Leben verlaufen nicht gradlinig und durchgeplant und genau da liegt der Reiz.

Wenn ich an einen Backpacker denke, der drei Jahre lang durch 10 Länder gelaufen ist und an einen Angestellten bei Mercedes, der über sein Hauskredit stöhnt, brauche ich nicht lange zu überlegen, mit wem ich mich lieber unterhalten würde.

„Ja, aber dann bleiben die Kinder doch dumm und lernen noch nicht einmal lesen!“

Das ist Quatsch. Lesen, Schreiben und Rechnen ist die Basis für alles andere. Das vermitteln wir ihnen auch. Aber ein Schulabschluss sagt nichts darüber aus, was ein Mensch kann. In der Schule lernen wir ausschließlich für die Prüfung. Eine Minute danach drücken wir den Resetknopf im Kopf und hoffen, dass es mindestens eine vier ist.

Außerdem ist dieser Weg keine unwiderrufliche Einbahnstraße. Denn in Deutschland kann jeder die Externenprüfung ablegen und damit jeden Schulabschluss nachholen. Es gibt kein Risiko für unsere Kinder. Außer vielleicht, dass sie den Stoff nicht lernen, den wir schon lange vergessen haben.

Deshalb sympathisieren wir eher mit dem Freilernen, als mit dem Massen-Bildungssystem. Da wir aber niemanden persönlich kennen, der uns eine Schritt für Schritt Anleitung geben kann, wie man seine Kinder zu selbstbestimmenden Individuen erziehen kann, straucheln wir und sind unsicher.

In der Freilerner-Community heißt es:

„Lass die Kinder einfach in Ruhe. Die machen das schon.“

Das würden wir gerne glauben. Da gibt es nur ein Problem: Wir haben nur diesen einen Versuch. Ich würde mir später ungern Sprüche anhören, wie „Vater, du hast mein ganzes Leben versaut.“

Aus diesem Grund befinden wir uns noch in der Selbstfindungsphase. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass Homeschooling voll für den Arsch ist und keinem der Beteiligten Spaß macht. Kindern zu sagen, dass sie sich hinsetzen und Matheaufgaben lösen sollen, sorgt für eine Menge Stress. Besonders deshalb, weil sie einfach nicht verstehen, wozu sie es brauchen.

Klar kann ich den Diktator raushängen lassen und sie zwingen. Immerhin wiege ich 40kg mehr und kann jeder Zeit mit plumper Gewalt sie zu allem zwingen, was ich mir so einfallen lasse. Aber das wollen wir nicht.

Mit der Schule haben wir daher eine Vereinbarung. Wir bekommen die ungefähren Inhalte genannt, die in diesem Schuljahr sitzen müssen, der Rest liegt bei uns. Bisher haben die Kinder ein einziges Mal freiwillig ihre Hefte rausgeholt und Aufgaben gelöst. OK, die Jüngste drei mal. Und das war nach dem Gespräch mit ihrer Oma und der Frage:

„Und Kinder? Lernt ihr denn fleissig?“ „Äh, Ja Oma.“

Wir versuchen stattdessen Bildung in den Alltag einzubauen. Die beiden älteren dürfen beispielsweise vorne sitzen, unter der Bedingung, dass sie mich navigieren. Das ist für jemanden, der noch nicht einmal versteht, was ein Kilometer ist, gar nicht so leicht. Aber so lernen sie etwas über Karten und bekommen ein Gefühl für Entfernungen. Sie lernen den Unterschied zwischen Metern und Kilometern und müssen Straßenschilder lesen und sich orientieren.

Da ist vieles dabei, das ein Kind in der Summe können muss, was in der Schule aber in Einzelteilen in Form von Fächern beigebracht wird.

Neulich hatte unsere Jüngste uns einen weiteren Hinweis darauf gegeben, wohin die Reise gehen könnte. Denn sie fragte uns, ob wir ihr Uhrlesen beibringen können. Genau das beschreibt die Freilerner-Theorie. Das Kind entwickelt ein Interesse an etwas und du als Erwachsener sprintest los und lieferst das Material.

Denn im Unterschied zur Schule gibt das Kind vor, was es lernen will, wann es lernen will und wie lange.

Wie du siehst sind wir auch nicht schlauer als andere, sondern beißen uns so durch. Ich denke, dass wir dieses Thema noch öfter anschneiden werden, aber für heute sollte es erstmal reichen. Deshalb ein direkter Schwenker zu unserem Vanlife.

Aktuell stehen wir in einer Bucht nicht weit von Aguilas. Michael und Janina sind gestern wieder zu uns gestoßen und hatten Jenny und Mara im Schlepptau. Damit stehen wir aktuell mit vier Wohnmobilen hier.

Achtung, die Bullen kommen.

Stimmt. So gegen vier wurde die Polizei angekündigt, die den Platz hier räumen sollte. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wir werden sehen und machen dann unsere erste Räumung mit.

Aber die Bucht ist es einfach wert und ich hoffe, dass wir nur auf die Finger gehauen bekommen.

Überhaupt haben wir die letzte Woche mehr Nächte in Buchten verbracht, als auf Stellplätzen. Echte Wildcamper eben. Hier gibt es super Plätze und meistens direkt am Meer. Bloß Strom ist ein großes Problem. Das Solar-Panel auf dem Dach reicht nicht aus, um mein Laptop zu laden. Wir hatten das eine Mal sogar einen Komplettausfall, so dass ich auf die Autobatterie zurückgreifen musste.

Aber, ich habe seit gestern mein neues Spielzeug an Bord. „Eine Powerstation mit 500Wh“. Damit sind wir Stromtechnisch autark. Das faltbare Solar-Panel ist noch in Anlieferung, aber sobald es da ist, brauchen wir keinen externen Stromanschluss mehr.

Als nächstes Steht eine Verbrenner-Toilette auf der Wunschliste. Die kostet aber 5000€ und ob wir das Geld in dieses Wohnmobil noch stecken werden bleibt abzuwarten.

Außerdem steht wahrscheinlich zu erst eine Reparatur an. Ich bin kein Automechaniker, aber irgendwas stimmt mit dem Motor nicht, wenn er kalt läuft. Er hält die Drehzahl nicht. Neulich ist er sogar ausgegangen. Da muss ich wohl einen Experten Fragen. Anton meinte, dass es die Drosselklappe sein könnte. Was auch immer das ist.

Ansonsten wird unsere Plea immer mehr zur Hippie-Kiste auf Rädern. Wir haben bunte Teppiche, es hängen selbstgehäkelte Kerzenhalter, Makramees am Fenster. Selbst eine Solar-Lichterkette haben wir nun.

„He, die habt ihr doch nicht mit! Weißt schon, wegen Gewicht und so.“ Stimmt. Ich habe habe meine Frau davon überzeugt sie nicht mitzunehmen. Jetzt hat sie gesehen, dass Janina auch eine hat und sich gleich im China-Laden eine neue besorgt. Das Teil hängt jetzt über dem Fernseher, weil sie nicht weiß wohin damit.

„Oh. Frauen.“

Apropos Frauen. Heute saßen unsere Mädels zusammen mit den ganzen Muttis am Strand auf ihren Decken und haben gehäkelt, gebohrt, geflochten und was sonst noch anstand. Janina macht vor, der Rest macht nach. „Ist wie meditieren“ meinte meine Frau Abends. Wir Typen stehen rum, kauen Sonnenblumenkerne und quatschen. Ab und an müssen zwei Streithähne auseinander gezogen oder Kinder aus dem Wasser gefischt werden.

Vor einigen Tagen hatten wir zwei Telefonate mit der Familie geführt. Mit leicht unangenehmen Ausgang. Denn wir stecken in einem Dilemma. Auf der einen Seite wollen wir zu Weihnachten wieder nach Deutschland und bei der Familie sein. Auf der anderen Seite müssten wir fast 3000km hin und eine Woche später wieder zurück fahren.

Selbst wenn wir die Strecke in mehrere Teilabschnitte aufteilen und jeden Tag 400 – 500 km runter reißen, ist das mindestens eine Woche Fahrt. Wir müssten mitten im Winter bei Temperaturen um den Gefrierpunkt herum schlafen und das klingt alles andere als verlockend für uns. Außerdem sind die Kosten nicht zu unterschätzen. Zusammen mit der Maut und dem Diesel kommen wir locker auf 1500€.

Deshalb überlegen wir Weihnachten und Neujahr hier zu verbringen und mit der Familie an den Feiertagen zu telefonieren.

Andererseits war letztes Weihnachten dank den Bekloppten in der Politik auch kein Spaß und was sie sich für dieses Jahr einfallen lassen, wird sicher auch nicht lustig. Ich könnte mir vorstellen, dass wir hier auch ein interessantes Weihnachten erleben werden.

Aber noch ist ja ein Monat hin und wir überlegen weiter.

So die Männerrunde am Strand ruft. Genug im Wohnmobil gehockt. Wir hören uns nächste Woche.

Bis dann.

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Kein Spam. versprochen.

Über diesen Autor gibt es soviel zu sagen, das passt hier alles gar nicht hin. Am Besten kontaktieren und kennenlernen 😉.

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